Heraldik+Fahnenkunde des Vatikan (2)

Beginnen wir mit der Gendarmerie-Mütze

Die Mütze ist oben geziert mit dem Staatswappen (heraldisch richtig), darunter die punktierten Buchstaben S.C.V. (heraldisch richtig). Weiter  darunter die Bezeichnung „CORPO DELLA GENDARMERIA“.  Ähnlichkeit mit dem Staatssiegel.

Sollte es sich tatsächlich um das Staatswappen handeln, fällt ein  heraldischer Fehler auf: Der linke Schlüssel sollte über den rechten geführt werden. Bleibt man bei dieser Darstellung, ist es das Papstwappen mit Schlüsseln und Tiara ohne das eigentliche Wappen.

Die Tiara ist in ein gelbes Feld gesetzt, was nicht dem Original-Staatswappen entspricht. Hier und in Folge sind die Beschreibungen aus der Sicht der Leserin/des Lesers.

Zu den zwei Spiegeln links und rechts des Halsansatzes

Der Spiegel (badge) am linken Oberarm

Der Spiegelrahmen ist 7-eckig, blau gesteppt. Der Spiegel besteht aus dem roten Spiegeltitel (GENDARMERIA), dem Emblem, eingerahmt mit einem Lorbeerkranz, der linke Schlüssel in Hellblau, der rechte in Gelb (Gold), unter dem Kranzboden der Leitspruch (il motto) FIDES ET VIRTUS (GLAUBE/TREUE UND MUT). Unter dem Kranz die Worte in Rot: STATO DELLA CITTA DEL VATICANO DIREZIONE DEL SERVIZIO DI SICUREZZA.

Das Emblem, mit Rahmen gelb gesteppt, hat Rot als Hintergrundfarbe. Der gelbe Schlüssel wird über den linken geführt. Über den Schlüsseln die Tiara. Die Kordel ist gleich geführt wie im stilisierten Emblem.

Heraldik: Der blaue Schlüssel müsste in Weiss (Silber) sein. Die Tiara trägt Farben, die in keinen massgebenden Vorlagen anzutreffen sind. – Man hat hier das Emblem des Heiligen Stuhles mit heraldischen Fehlern gesteppt (siehe Original in „Heraldik des Vatikan 1“), statt das Staatswappen. 

Die Gendarmerie trägt nebst dem Staatswappen des Vatikanstaates nun auch das Emblem des Heiligen Stuhles (unmögliche arbeitsrechtliche Situation?). Gemäss einem Dokument (ad experimentum), das vom Governatorat genehmigt wurde, gilt hinsichtlich der Aufgaben der Gendarmerie in den exterritorialen Gebieten (z. B. in den Papstkirchen Roms S. Giovanni in Laterano, S. Maria Maggiore), was die Vorschriften hierzu festlegen, dass das untergeordnete wie das leitende Personal während seines Dienstes in den exterritorialen Gebieten nicht mit denselben Funktionsbezeichnungen auftreten dürfe wie auf vatikanischem Gebiet, sondern sich als „vom Heiligen Stuhl gesandtes“ Personal vorstellen sollte. (G. Nuzzi, Seine Heiligkeit, Seite 161).

Das Korps-Schild (Plakette), angehängt an der linken Brusttasche

Das Korpsschild zeigt oben die punktierten Buchstaben S.C.V. (heraldisch richtig), dann die Flagge/Fahne des Staates der Vatikanstadt (heraldisch richtig), eingerahmt durch ein Hufeisen mit dem Text „CORPO DELLA GENDARMERIA“.

Das Emblem der Flagge entspricht nicht der offiziellen  Vorgabe (z. B. Tiaraform, Schlüsselfarben, Schlüsselkopf, Kordeln sind anders).

Die Messing-Knöpfe des Gendarmerie-Vestons (ceremoniale)

Die Knöpfe enthalten die Tiara des Papstes mit den Tiarabändern (vittae). Auf dem Knopfrand  steht „GENDARMERIA S.C.V.“. Die 3-stufige Tiara symbolisiert die Aufgaben des Papstes: lehren, lenken und heiligen (auch: Priester-, Hirten- und Lehrgewalt).

Über Jahrhunderte trugen die Päpste bei ihrer Krönung die Tiara. Auch Paul VI., der sie aber am 13. November 1964 anlässlich einer Messe als Geschenk an die Armen ablegte. Man kann nicht abstreiten, dass dieser Schritt  massgebend war, dass seine nächsten  Nachfolger Johannes Paul I., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus bei der „Krönung“ auf die Tiara verzichteten. Mehr noch: Benedikt XVI. und Franziskus haben für das Papstwappen nicht die Tiara, sondern die Bischofs-Mitra (auch 3-gestuft) gewählt. Deshalb wäre es interessant zu erfahren, welche heraldische Absicht hier das Gendarmerie-Kommando verfolgt.

Das Papstwappen von Benedikt XVI. mit der Mitra wurde vom Heraldiker, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, geschaffen. Nachzuholen ist, dass dem Schweizergarde-Gründer Julius II. (1503-13) eine seiner  prachtvollen Tiaren Jahrhunderte später auseinander gelegt und die einzigartig wertvollen Gegenstände verkauft wurden. Grund: Pius VI. (1775-99) brauchte Geld zur Finanzierung des von Napoleon dem Papst aufgezwungenen Friedens von Tolentino.

Zusammenfassung: Die Uniformen des Korps der Gendarmerie S.C.V. zeigen heraldisch also fast alles, was der Staat der Vatikanstadt (der Arbeitgeber) und der Heilige Stuhl (Arbeitgeber des Schweizergarde) zu bieten hat. Es zeigt sich eine heraldische Unordnung. Einzig das reine Emblem des Heiligen Stuhles und das Papstwappen bleiben aus. 

Schweizergarde und Heraldik: Helm und Gurt-Monogramm

So gesehen, muss man bestätigen, dass bei der Galauniform der Päpstlichen Schweizergarde, die Familienfarben gelb-rot-blau der Medici ausgenommen, keine heraldischen Zeichen vorzufinden sind. Auch die blaue Exerzieruniform bleibt heraldisch  leer, ausser der Gurtschnalle mit dem Monogramm. Hingegen steht auf beiden Seiten des weissen und schwarzen Helms (Morion) das Familienwappen des Gardegründers Julius II. della Rovere (gelbe Eiche auf Blau. Rovere = Eiche). 

Oben links: weisser Helm, beidseitig mit dem Papstwappen Julius' II.  Auch beim schwarzen Helm ist das Papstwappen beidseitig.

Oben rechts: Das Monogramm  „GSP“ auf der Gurtschnalle heisst übersetzt: "Guardia Svizzera Pontificia" ("Päpstliche Schweizergarde"), eingeführt von einem der Nachfolger von Karl Pfyffer von Altishofen, Kommandant von 1800 – 1834. Siehe Krieg/Stampfli, Die Schweizergarde in Rom, orell füssli, 2006, Seite 338.

Am Mantel-Knopf bekennt sich die Schweizergarde zweimal zum Heiligen Stuhl:

Winter-Tuchmantel der Gardeoffiziere

Auf den Messing-Knöpfen des Offiziers-Wintermantels steht das Emblem des Heiligen Stuhles (heraldisch richtig, aber nicht das Original). Auf dem Knopfrand steht: PAEPSTLICHE SCHWEIZER  GARDE. – Der Tuchmantel (die Giornea) der Mannschaft hat keine heraldischen Zeichen.

Regenmantel der Unteroffiziere und Hellebardiere

Auf den Messingknöpfen des Mannschaftsmantels steht seit 2011 das stilisierte Emblem des Heiligen Stuhles (heraldisch richtig). Auf dem Knopfrand stehen die Worte: GUARDIA SVIZZERA PONTIFICIA. 

Die blaue Exerzier- und Nachtuniform

Diese Uniform der Päpstlichen Schweizergarde hat keine heraldischen (Ab)Zeichen. Nach der Malersprache ist ihre Farbe nachtblau, violettblau oder mit einem stumpfen Dunkelblau (kobaltblau). Die Gurtschnalle hingegen trägt das Monogramm „GSP“.

FORTSETZUNG siehe: Heraldik+Fahnenkunde des Vatikan (3)
© Werner Affentranger