Heilige und Hellebarden empfangen uns!

Heilige und Hellebarden empfangen uns!

Liebe Jugendliche,
liebe Leserin, lieber Leser!

Sie besuchen den Vatikanstaat. Wenn Sie aus dem quirligen, lauten Leben der Stadt Rom über die Tiberbrücke kommen,  steht die trotzige Engelsburg zur Rechten. Kaiser Hadrian hatte sie für sein Grabmal gebaut. Heute grüsst der Erzengel Michael von der Spitze. Dann schuhwerken wir durch die majestätische Via della Conciliazione (stm). Es ist etwas ruhiger geworden hier. Lärm und Autogehupe verebben in der Ferne. Die Gebäude links und rechts stehen in Reih  und  Glied  und wirken würdig.

Die Prachtsstrasse „Via della Conciliazione“ (Strasse der Versöhnung) zwischen Engelsburg (oben Mitte, mit Baumgruppe vorzu) und dem Petersplatz. Im Hintergrund, etwa 30 km entfernt, die Albanerberge mit bekannten Touristenorten wie Frascati, Tivoli und Castel Gandolfo.
https://de.wikipedia.org/wiki/Engelsburg
https://de.wikipedia.org/wiki/Via_della_Conciliazione

Da – eine weisse Linie (wa) zieht sich wie nebensächlich durch die Pflastersteine. Hier beginnt der Vatikanstaat. Ohne Zollgebäude, ohne Zöllner und Staatsflaggen. Vor uns wächst eine prunkvolle Fassade in den Himmel. Mit Nischen, Balkonen, mit Balustraden (Brüstungsgeländer). Und dahinter duckt sich wie verschämt die Kuppel von Sankt Peter in das Gemäuer. „Man soll mich vom Innern her entdecken“, will sie sagen. Die äussere Pracht geschieht später.

Die weisse Linie als vatikanische Staatsgrenze zu Beginn des Petersplatzes, markiert mit hellen Pflastersteinen und aufgestellten, kleinen, zum Teil fahrbaren Eisengittern. Man beachte das italienische Polizei-Auto auf dem vatikanischen Petersplatz. Die Italienische Polizei beim Vatikan bewacht Tag und Nacht den weltbekannten Platz. Dieses Foto wurde zur Adventszeit geknipst: Die Weihnachtskrippe wird aufgebaut, der Christbaum reckt sich in die Höhe. Hinten der vierstöckige Papstpalast. Im obersten Stockwerk befindet sich die momentan unbewohnte Papstwohnung (April 2013).
https://de.wikipedia.org/wiki/Papstpalast

Wir stehen auf dem Petersplatz (stm). Zwei riesige, steinerne Arme Berninis – was sage ich? – der Kirche – umklammern  uns. 284 gewaltige, gewichtige Säulen in Viererreihen. Es ist ein Einladen, Aufnehmen, willkommen heissen. Ohne Zwang. Ein tiefes Symbol (Sinnbild): Die Kirche will uns einladen. Nicht umklammern. Nicht zwingen.

Petersplatz mit den zwei Berniniarmen, der Peterskirche und dem Papstpalast rechts. Im Hintergrund Teil der vatikanischen Gärten. Hinter der Baumgruppe im unteren Bild rechts wohnt die Schweizergarde. Ganz am unteren Rand rechts ein kleiner Teil des Borgo Pio. Früher war der Borgo ein Stadtteil, der vor  wichtigen grossen Palästen gebaut wurde. Rasch siedelten sich dort Arme an. Der Borgo Pio, heute der grosse Verpflegungsort für Pilger und Touristen,  bietet Gardisten und Familien öfters Gelegenheit, das italienische Leben zu geniessen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Petersplatz

Oben, auf den ragenden Säulen und Kapitellen (der oberste Teil einer Säule) stehen lauter Heilige (stm). 140 sind es. Päpste Bischöfe, Märtyrer, werktägliche Berufsleute, heilige Ordensgründerinnen und Klosterstifter, Könige und Bettler heissen uns willkommen. Schon zum Himmel entrückt. Und doch schabernackt so viel Menschliches in diesen Säulen und Räumen. Unser lieber Herr hat doch seine Kirche damals am See Genesareth auf wackligen Menschen gegründet.

Papstanlass auf dem Petersplatz, bei dem die Schweizergarde Ehrendienst leistet. Kenner bezeichnen die Anzahl der Personen auf  über 100’000 Pilger und Touristen.

Zehn Jahre lang, von 1656 bis 1666, hatten Bernini und seine Schüler an diesen Säulen gehämmert. Über dem Hauptportal von St. Peter und als Krönung der Fassade steht überlebensgross Christus (ab), der Meister. Ihm assistieren an den Flanken Johannes der Täufer (links) und der Apostel Andreas, der Bruder von Petrus.

Christus, der Meister, auf der Fassade des Petersdoms, über 6 m gross. Ist man einmal auf dem Dach des Petersdomes (Lift), kann man sie, vor oder nach einem guten Kaffee in der öffentlichen Dach-Bar, auf luftiger Höhe bewundern.

Inmitten der grossen Piazza San Pietro ragt ein Obelisk (hoher vierkantiger Stein) in den Himmel. Er selbst ist 25,80 Meter hoch. 19 Jahrhunderte vor Christus wurde er in Ägypten zurechtgeschliffen. Die römischen Cäsaren schleppten ihn nach Rom. 1586 holte ihn Fontana (aufgewachsen im heutigen Tessin) aus dem ehemaligen Circus Nero und stellte ihn rund 450 Meter weiter entfernt in die Mitte des Platzes auf. Man erzählt sich seltsame Geschichten davon, beispielsweise mussten Arbeiter und Schaulustige bei Todesstrafe schweigen und keinen Lärm machen. Der Matrose Bresca sah, wie die Seile rissen und schrie  „Wasser an die Seile!“.  150 starke  Pferde sollen im Einsatz gewesen sein. – Neben dem Obelisken  sprudeln munter zwei Brunnen.

Auf das Heilige Jahr 2000 wurde die Fassade (ab) von St. Peter brillant herausgeputzt. Abends leuchtet sie auch heute noch mit der Peterskuppel zusammen in einem zauberhaften Lichtspiel auf. Die Römer säumten im Jubeljahr den riesigen, steinernen Platz mit dem Grün vieler Olivenbäume.

Die herausgeputzte Fassade des Petersdomes (117,5 x 46 m) ist grösser als ein Minimal-Fussballfeld (90 x 45 m). In der Mitte unter dem Dreieck erteilt der Papst jeweils an Ostern und Weihnachten den Segen Urbi et orbi. Die italienische Armee und die Päpstliche Schweizergarde (im Panzer) erweisen ihm die militärischen Ehren. Die italienische und vatikanische Nationalhymne ertönen. Der Feldweibel der Garde trägt für diesen Anlass die Fahne des Staates der Vatikanstadt, und nur dann. 

Wir stehen, ohne es zu merken, im kleinsten Staat der Welt. „Stato della Città del Vaticano“ ist sein offizieller Name. Der Vatikanstaat (stm) zählt 44 Hektaren Territorium (Staatsgebiet) und normalerweise zwischen 500 und 600 Staatsbürger. „CV“ steht auf der Autonummer vatikanischer Staatsbürger, „SCV“ bei staatseigenen Fahrzeugen. Ein Schweizer Zöllner in Chiasso schüttelte einmal den Kopf, als die Frau des Gardekommandanten mit ihrem Auto hielt. „Gibt es das?“, fragte er. Hier auf dem Petersplatz aber steht kein vatikanischer Staatsbeamter, der nach Pass und Schmugglerware schnüffelt.

Prächtiges Bild vom östlichen Teil des Vatikanstaates aus dem Helikopter. Von links: die langgezogenen vatikanischen Museen, Petersplatz, Petersdom. Der Tiber biegt links ab. Unten: vatikanische Gärten, wo sich die Gardisten auf einem Spaziergang sehr wohl fühlen. Der Querbau ganz rechts unten ist Sitz des Staates der Vatikanstadt. Hier muss sich der Gardist anmelden, wenn er heiraten will. Er holt sich hier auch die Auto- oder Motorrad-Nummernschilder.
https://de.wikipedia.org/wiki/Vatikanstadt
https://de.wikipedia.org/wiki/Kfz-Kennzeichen_(Vatikanstadt)

Wenn wir Glück haben und eine Papstaudienz ansteht, entdecken wir zwischen Kolonnaden (Säulengängen), Klosterfrauenhäubchen und Monsignore-Violett (Monsignore ist ein Priestertitel), Wasser-Flaschen und zappelnden Gruppenfähnchen – eine  Uniform, wie aus einer anderen Welt. Einen Schweizer Gardisten (stm). Und doch passen diese gelb-rot-blauen Farben in diese Welt der Gemälde und Skulpturen (von Bildhauern geschaffene Werke), als hätte sie Michelangelo, der Schöpfer der Kuppel, selbst entworfen. Er hat sie nicht! Puffärmel und flatternde Tuchstreifen, blütenweisse Fältchenkragen, ein vorwitziges Béret (schräggestellte Kopfmütze) – an Feiertagen gleisst ein Helm mit farbigem Federbusch in der Sonne. Vor den päpstlichen Palästen, in den Toren steht der Gardist stramm, die Hellebarde in der rechten Hand. Eine uralte Waffe, die vor 500 Jahren die Freiheit der Schweizer erkämpfte.

Ja, es sind Schweizer, junge Eidgenossen, die hier Wache stehen. Am Bronzetor vor der königlichen Treppe oder unter dem Glockenturm, an vier von fünf offiziellen Eingängen zum Vatikanstaat. Seit 1506, über 500 Jahre lang bewachen sie den Papst und seine Mitarbeitenden, seine Residenz (seinen Palast). Es gab drei Unterbrüche ihres Wachtdienstes. Und es gab die Zeit, da fast die ganze Garde niedergemetzelt wurde.

Dieser Beitrag möchte davon erzählen. Die ganze Geschichte dieses militärischen Korps marschiert durch diese Seiten. Besonders junge Männer, die davon träumen, selbst Gardist zu werden, sollen sich hier für diesen Dienst beim katholischen Oberhaupt in Weiss angesprochen fühlen.

„Acriter et fideliter“- „Tapfer und treu“ ist die lateinische Devise (der Wahlspruch) dieser über hundert Schweizer. Sie wird es bleiben.

Morschach, Ende 2005                                                      Pfarrer Aloys von Euw

Auf das Jubiläumsjahr „500 Jahre  Schweizergarde“ im Jahre 2006 war ein Werk- und Werbebuch für Jugendliche über die Päpstliche Schweizergarde vorgesehen. Das Projekt musste zugunsten anderer Bücher fallen gelassen werden. Die hier vorliegende Geschichte zur Garde von Pfarrer Aloys von Euw, ausdrucksstarker Autor auch in anderen Büchern, war als erstes Kapitel gedacht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Aloys_von_Euw